geflecht.at

Wenn die Pharmakonzerne
Politik machen

Prof. Robert Molimard, der bekannte französische Tabakologe und Rauchentwöhnungsexperte, spricht in einem Interview über die Mechanismen der Tabaksucht
Deutschsprachige Fassung der Transkription

Kapitel 1

Wenn Sie die Literatur zu den Aromastoffen des Tabaks untersuchen, werden sie klarerweise nichts finden, da niemand den Tabak erforscht. Es mag Dinge geben, die den Tabakkonzernen bekannt sind. Aber wenn Sie Philip Morris heißen und in Ihrem Labor eine Substanz entdecken, die die Anziehungskraft Ihrer Zigaretten auf die Menschen etwas zusätzlich verstärken könnte, werden Sie das freilich nicht in der internationalen Literatur veröffentlichen, wo die BAT [British American Tobacco] sich der Sache bemächtigen kann … Das fällt unter „Betriebsgeheimnis“.

Ich meine, dass das komplex ist. Wir könnten über die potentielle Rolle des Nikotins sprechen. Dieses hat Wirkungen, die vom Raucher geschätzt werden können. Aber was mich persönlich interessiert sind nicht die möglichen Wirkungen des Nikotins. Die können riesig sein und manche dieser Wirkungen sind auch günstig. Nikotin fördert die Wachheit – und wenn Menschen, die Nachtwache halten müssen, viel rauchen, so tun sie das, um wach zu bleiben. Nikotin hat einen paradoxen Entspannungseffekt und noch andere Wirkungen wie insbesondere eine Erhöhung des Blutzuckers. Nikotin wirkt blutzuckererhöhend.

Manche sprechen von 4000 toxischen Substanzen in Zigaretten – das sind Dinge, von denen man hört. Es heißt auch, dass früher der Tabak / die Zigaretten, die geraucht wurden, weniger schädlich waren, während sie heutzutage schädlicher sind …

Na schön, da ist ein hoher Anteil an Legenden dabei. Zunächst findet man mit fortschreitender Verfeinerung der chemischen Analysen mehr Substanzen. Außerdem sind 4000 gefundene Substanzen noch lange nicht 4000 toxische Substanzen. Die überwiegende Mehrheit der Rauchinhaltsstoffe – z.B: Wasser, das wäre ein Inhaltsstoff! – ist nicht toxisch. Aber manche sind fürchterlich toxisch. Und diese toxischen Substanzen sind ja mittlerweile doch ziemlich gut bekannt: Nummer eins ist das Kohlenmonoxid. Wenn man das Kohlenmonoxid wegbekommen würde … ich muss dazu sagen, dass Leute, die Kautabak verwenden, schon aufgrund des Fehlens von Kohlenmonoxid eine 90-95%-ige Senkung ihres Risikos haben. Hier handelt es sich meiner Meinung nach um das gefährlichste Produkt, denn wenn Sie rauchen, haben Sie eine chronische Vergiftung mit Kohlenmonoxid. Dann gibt es ungeheuer schlimme Kanzerogene: die Nitrosamine. Das sind ganz entsetzliche Krebserreger, schon in winzigsten Dosen. Wenn man Ihnen also den Teergehalt auf einen Päckchen Zigaretten angibt, kann die Menge an Nitrosaminen einem Zehntausendstel des Teergewichts entsprechen.

Das heißt also, das wäre dann nichts …

Das heißt, dass es z.B. eine Studie über Zigaretten gibt – die kommt aus Polen – mit Vergleich von verschiedenen Zigaretten, gegliedert nach dem Teergehalt auf der Packung. Und bei diesen Zigaretten wurde der Nitrosamingehalt untersucht. Marlboro-Zigaretten hatten den niedrigsten Teergehalt, aber gleichzeitig enthielten sie die größte Menge an Nitrosaminen! Somit ist der Teergehlalt insgesamt, wie er angegeben wird, ein ganz grobes Maß … Teer besteht zu 95 % seines Gewichts aus uninteressanten inerten Substanzen, die keine spezielle Gefahr mit sich bringen. Aber wenn zwei Zehntausendstel Gewichtanteile an Nitrosaminen statt einem Zehntausendstel enthalten sind, ist das etwas viel Gefährlicheres. Daher ergibt die Angabe des Teergehalts keinen Sinn. Sie können Zigaretten mit sehr hohem Teergehalt haben, die wesentlich weniger krebserregend sind als Zigaretten … [Schnitt: die weniger davon abgeben]. Und es ergibt zusätzlich umso weniger Sinn, als der Raucher keine Rauchmaschine ist! Das, was auf dem Zigarettenpäckchen angegeben wird, ist die Menge, die man an einer Rauchmaschine erhält, wenn man unter Standardbedingungen (Temperatur, umgebender Luftzug usw.) mittels einer Spritze ein Mal pro Minute ein Zugvolumen von 35 ml auf 2 Minuten [Lapsus: Sekunden] ansaugt. Wenn Sie jedoch statt einem 35-ml-Zug einen 80-ml-Zug nehmen, wie man das mit den heutigen Ultralight-Zigaretten tut, verdoppeln Sie schon die inhalierte Teer- und Nikotinmenge. Und wenn Sie alle 30 Sekunden – oder gar alle 20 Sekunden – statt einmal pro Minute ziehen, verdreifachen Sie das Ganze nochmal und haben letztlich die sechsfache Menge eingeatmet. Dann: wenn Sie, statt eine Kippe von 23 mm (oder von 8 mm + Filter) übrig zu lassen, die ganze Zigarette bis zum Ende – oder sogar noch in den Filter hinein – rauchen, inhalieren Sie noch alles, was sich an Teer dort angesammelt hatte … Der Raucher zieht „was er will“ aus der Zigarette, bzw. holt er sich, was er braucht.

Dann hätten wir noch an gefährlichen Substanzen Kohlenwasserstoffe, Benzo[a]pyren, Naphthalin und …Benzolprodukte … Wenn Sie große Plakate sehen mit der Aufschrift „Gefährliche Inhaltsstoffe der Zigarette: Aceton“, bedenken Sie, dass jemand, der einen Fleck auf seiner Hose wegputzt, zehn Mal mehr Aceton inhaliert, als er in einem ganzen Leben aus Zigaretten inhalieren wird. Zudem weiss man ja, dass Aceton ein normales, harmloses Stoffwechselprodukt des Menschen ist.

Es kann trotzdem gesagt werden, dass man als Raucher ein Krebsrisiko hat …

Ja sicher, eindeutig! Rauchen erhöht in der Hauptsache das Lungenkrebsrisiko. Ein Raucher mit einem Konsum von über 20 Zigaretten hat annähernd das 20-fache Risiko eines Nichtrauchers. Und das hört nicht von heute auf morgen auf: als ehemals starker Langzeitraucher haben Sie 10 Jahre nach der Entwöhnung noch ein doppeltes Risiko. Das ist jedoch an den gerauchten Tabak gebunden. Andererseits haben Sie ein Herz-Kreislauf-Risiko. Beim Herz-Kreislauf-Risiko gibt es einen seltsamen Aspekt: es benötigt Kohlenmonoxid. Ohne Kohlenmonoxid … ich hatte vor Jahren mal die Literatur dazu untersucht … gibt es keine Erhöhung des Herz-Kreislauf-Risikos mit gelutschtem, gekautem oder geschnupftem Tabak. Der Tabak muss dazu verbrannt worden sein. Und dann haben wir hier noch ein echtes Kuriosum, nämlich dass das Risiko nicht mit der Menge steigt. Das heißt: gleichgültig, ob Sie viel oder wenig rauchen … wenn Sie einige Zigaretten rauchen – das wird sogar für das Passivrauchen angegeben – werden Sie Ihr Risiko gegenüber Nichtrauchern/Nichtexponierten um den Faktor 1,5 erhöhen. Wenn Sie mehr als ein Päckchen rauchen, ist Ihr Risiko um den Faktor 1,8 … oder 2 erhöht! Es besteht keine direkte Beziehung zur Dosis. Aus diesem Grund gibt es eine Hypothese, die übrigens von Frau Louis-Sylvestre (Ernährungsphysiologin am Collège de France – das ist nicht irgendwer) vorgebracht wird: „Sie sind Japaner, Sie rauchen, sie erleiden keinen Herzinfarkt. Derselbe Japaner zieht an die Westküste der USA; er erleidet einen Herzinfarkt, wenn er raucht.“ Was essen Japaner, wenn sie an die Westküste der USA ziehen? McDonalds!

Mehr Gift, weniger Fisch.

Während sie in Japan Fisch gegessen haben. Das würde dann erklären – wenn es um Ernährungsgewohnheiten geht – warum keine Beziehung zur Zigarettenmenge besteht.

Es ist richtig, dass in Japan die Ernährung sehr fischlastig ist, da besteht schon ein großer Unterschied.

Ja, und sie essen Quecksilber dabei …

Also das Risiko der 4000 Substanzen, das wäre … auf die 4000 Substanzen kann man annehmen, dass vermutlich 3990 inert sind und von geringem Interesse.

Und ca. zehn, die gefährlich sind … Die anderen Krebserkrankungen außer …

Schließlich entwickeln Sie einen Krebs an der Stelle, wo die kanzerogenen Substanzen hinkommen. Das betrifft also Mund, Rachen, Bronchien … Also mit den sehr nikotinstarken Zigaretten, den „Boyards“ [Anmerkung d. Übs.: Boyards waren dafür bekannt, dass selbst geübte Raucher von filterlosen Gauloises davon Hustenanfälle bekamen], da hat man nicht tief inhaliert, also hat man den Krebs an den großen Bronchien bekommen. Mit den ultraleichten Zigaretten inhaliert man viel tiefer in die Lunge und entwickelt daher den Krebs in zunehmend tieferen Lungenbereichen. Dann haben Sie natürlich auch noch die Speiseröhre, weil sie ja schlucken. Und die Harnblase wäre da auch zu nennen. Weshalb die Harnblase? Weil Sie eine Konzentration im Harn haben und dann die Aggressivität stärker ist. Vielleicht noch in geringem Ausmaß alle Krebsformen, weil möglicherweise Auswirkungen auf das Immunsystem bestehen, aber die Wahrheit ist … die genannten machen es in der Hauptsache aus. Es betrifft hauptsächlich die oberen Atemwege, die Lungen und die Harnblase.

Man stützt sich auch auf Umfragen. Umfragen zur Prävalenz, das heißt zum Raucheranteil in der Bevölkerung. Aber wenn man vor einigen Jahren einen Schuljungen fragte: „Wie ist das – rauchst du eigentlich?“, und er einen Konsum von 5 Zigaretten pro Woche erreicht hatte, jedoch schon einmal an irgendeinem Tag seines Lebens ein ganzes Päckchen geraucht hatte, dann hat so ein Junge sich in die Brust geworfen und voller Stolz, weil es so cool war, verkündet, er würde ein Päckchen rauchen. Dies, weil er es ein einziges Mal „geschafft“ hatte. Wenn Sie denselben Jungen heute fragen, betrachtet er sich noch nicht als Raucher! Daher antwortet er „Ich rauche nicht“.

Das große Problem ist, dass Sie unglaubliche Unterschiede je nach Befragung haben. Da gibt es eine europäische Studie von 2002 (Eurobarometer), im Auftrag der Europäischen Kommission. In Frankreich wurde die Studie von CSA durchgeführt. Nun, von 1995 bis 2002 hat sich der Raucheranteil in Frankreich von 37,5 auf 44 % erhöht und für 2002 hat eine Studie der INPES [Institut national de prévention et d'éducation pour la santé, Institut zur Gesundheitsaufklärung und -vorbeugung] 30,4 % herausbekommen ! Und niemand hat je danach gefragt, woher dieser Unterschied kommt. Warum 30,4 %? Da hat man gesagt: „das ist großartig, der Verbrauch sinkt, die Raucher werden weniger in Frankreich“. Über die 44 % hat keiner ein Wort verloren! Als Wissenschaftler, wenn man einen Unterschied feststellt, ist die erste Frage: „Woher kommt dieser Unterschied? Vom Verfahren zur Infomationserfassung?“ Also: bei dem einen Ergebnis wurden die Informationen durch telefonische Befragungen erhalten, beim anderen jedoch wurden die Eurobarometer-Informationen in einem Tür-zu-Tür-Verfahren erfragt. Eine Telefonumfrage und eine Tür-zu-Tür-Umfrage sind ganz verschiedene Dinge. Man erhält nicht dieselben Informationen. Am Telefon, z.B. bei Jugendlichen, die haben meistens ein Handy [dessen Telefonnummer nicht im Telefonbuch steht] und rauchen viel. Arme Leute, die auf der Straße leben, haben im allgemeinen kein Telefon. Das heißt, dass Sie [mit den unterschiedlichen Befragungsarten] nicht dieselben Bevölkerungsgruppen erreichen werden.

Kapitel 2

Wenn man sich auf diese Logik verlässt, könnte man auf 50 oder 48 % kommen …

Man weiß es nicht. Aber was man auf jeden Fall weiß, das ist dass Rauchen für die Leute ein zentraler Bestandteil der Identität ist. Und wenn Sie sie angreifen – wenn Sie ihre Identität angreifen –, werden die Leute sich entziehen und wehren, um ihre Identität zu verteidigen. Das läuft dann vielleicht so … sie erklären Ihnen: „Oh ja, aber ich werde die Gelegenheit nutzen, um mit dem Rauchen aufzuhören!“ . So hatte meine Sekretärin neulich einen Patienten, der sich für die Sprechstunde angemeldet hatte. Und nun rief er an, um abzusagen. Die Absage kam mit den Worten: „Verstehen Sie, jetzt darf ich am Arbeitsplatz nicht mehr rauchen. Also gehe ich nach draußen eine quarzen, wenn Pausenzeit ist … Und bei der Arbeit rauche ich nicht mehr, das ist doch schon was. Warum sollte ich noch darauf verzichten, ein wenig zu rauchen, wenn ich heimkomme?“ Sie hat ihn gefragt: „Dann haben Sie ein wenig reduziert?“. Drauf er: „Nein, ich habe früher ein Päckchen geraucht, jetzt sind es anderthalb!“. Man wird also Phänomene des Rückzugs feststellen, eines Zurückziehens auf sich selbst. Es entsteht eine Festung. Dabei ist es … man müsste versuchen, die Leute zu überzeugen, und diesbezüglich hatte das Evin-Gesetz übrigens begonnen, zu wirken. Es wurde nicht mehr bei Versammlungen geraucht, das ist doch ziemlich interessant. Und jetzt gibt es also die Bedrohung durch Passivrauch.

Zum Passivrauchen. Da gibt es eine europäische Studie, die von 6 gestorbenen Nichtrauchern in Begegnungsstätten berichtet, da geht es um Frankreich. Man fragt sich also einiges zu diesen 6 Toten. Was ist da los mit dem Passivrauchen?

Das Passivrauchen? Da gibt es sowas wie eine „resistible ascension“ der Todesfälle durch Passivrauch. Vor einigen Jahren wurde ich übrigens aufs übelste beschimpft, weil ich auf einem Fernsehset die Zahlen genannt hatte, die mir mündlich von Catherine Hill (die sich am Krebsinstitut mit der Krebsepidemiologie befasst) mitgeteilt worden waren. Sie hatte gesagt: „Na ja, das ist sehr schwierig. Denn wenn es um die Gesamtsterblichkeit geht, die zwischen 60.000 und 65.000 liegt, ist ein Fehler von 10 % nicht so schlimm. Trotzdem gibt es ein großes Problem im Gesundheitswesen durch den Tabakkonsum. Aber wenn es um Zahlen von 100, 200 oder 300 geht: da wird der Unsicherheitsfaktor riesengroß.“ Ich habe gefragt: „Woran denken Sie da?“. Sie hat geantwortet: „Sagen wir mal, für Krebserkrankungen vielleicht ungefähr hundert. Alles zusammen – chronische Bronchitis, Herzinfarkt, alles, was sie wollen: sagen wir einfach mal 1.000. Aber das ist extrem grob geschätzt“. Die Amerikaner sind auf 2.500 Tote gekommen, und zwar nicht in den USA, sondern auf Frankreich übertragen. Ohne französische Studie. Das waren also 2.500 Tote. Das wurde in der Académie de Médecine erzählt – Gérard Dubois, Professor Tubiana. Und dann kam eine europäische Studie mit dem Titel „Lifting the Smoke Screen“ (sinngemäß: Blick hinter die Nebelwand). Die besagt: Tote durch Tabakrauch in Frankreich = 5863, auf den Todesfall genau. Also hat sich die Zahl der Toten durch Passivrauch soeben von 2500 auf 5863 erhöht, gemäß einer Studie mit dem Titel „Lifting the Smoke Screen“, die eine europäische Studie ist. Und die 5863 Tote beziehen sich auf Frankreich, aber die Studie betrifft Europa insgesamt. Die Anti-Rauch-Leute, die die Gunst der Medien genießen, haben diese Zahl sofort auf 6000 Tote aufgerundet. Und diese 6000 Tote – je nach Version ist die Rede von 5000 oder von 6000 – wurden vom Abgeordneten Bur übernommen, um dieses extrem restriktive Gesetz durchzubringen.

So. Wenn man sich in diese Studie vertieft: was findet man da? Man findet, dass diese 5863 Tote in der Mehrheit Raucher waren! Davon waren übrigens 5574 Raucher mit einer Exposition zuhause, auf die die Gesetzgebung – solange man nicht die Leute zuhause kontrollieren geht – keinen Einfluss haben wird. Dann 289, die in der Arbeit geraucht haben, davon 25 in Bars, Hotels, Restaurants, Discos. Und hier geht es um die Allgemeinbevölkerung. Wenn man sich nur die Nichtraucher ansehen will – und das ist ja die eigentliche Definition von Passivrauchen –, wurde auf ganz besonders verdrehte Weise der Prozentsatz berechnet, der den Anteil des Passivrauchens beim Aktivraucher ausmacht. Angenommen, Sie rauchen in Ihrem Büro. Klarerweise inhalieren Sie direkt den Rauch, aber Sie atmen auch die verrauchte Luft Ihres Büros und sind somit ein Opfer des Passivrauchens. Folglich muss man Sie vor solchem Passivrauchen schützen.

Wenn man sich dennoch für die Nichtraucher interessiert, erkennt man, dass die Zahlen extrem stark sinken. Es beginnt damit, dass in diesem Bericht nur 1114 Nichtraucher unter den Passivrauch-Toten gezählt werden. Aber von diesen 1114 sind 1007 zuhause verstorben. Nur 107 sind in der Arbeit verstorben, und von diesen wiederum 6 in Hotels, Restaurants, Bars oder Discos.

Weiters, wenn man etwas genauer hinsieht: wie wurde die Zahl der „Nichtraucher“ berechnet? Na das ist doch ganz einfach! Man nimmt den Raucheranteil einer Bevölkerung (wir haben vorhin gesehen, dass man nicht weiß, ob der in Frankreich 30,4 oder 44 % beträgt), multipliziert die Bevölkerungszahl mit diesem Prozentsatz und schon hat man die Anzahl der Raucher. Den braucht man nur noch von der Gesamtbevölkerungszahl abziehen, um die Zahl der Nichtraucher zu erhalten. Damit wird man allerdings alle Ex-Raucher als „Nichtraucher“ führen. Man weiß sehr wohl, dass hier nicht das Risikoniveau von Leuten erreicht wird, die nicht mehr rauchen [Lapsus: die nie geraucht haben], wenn jemand nach 30 Jahren als Raucher seit 15 Tagen nicht mehr raucht! Gemäß den bekannten Studien über britische Ärzte besteht zwischen 4 und 9 Jahren nach dem Rauchstopp noch ein Lungenkrebsrisiko von 6x. Daher spielen die Ex-Raucher hier eine gewichtige Rolle. Und da von den Leuten, die nicht rauchen, die Ex-Raucher ca. 40 % oder 48 % ausmachen, gegenüber 52 % [die nie geraucht haben], wird einem klar, dass die tatsächliche Anzahl der Nichtraucher, die nie geraucht haben und die durch Passivrauchen in Bars, Hotels, Restaurants und Diskotheken gefährdet sind – diesen Orten, wo es wegen der Risiken, denen man das Personal aussetzen würde, absolut erforderlich ist, dass man nicht mehr raucht – die kommen also ganz grob geschätzt auf 2 Personen! …Voilà! Also, das ist ein Artikel, den ich versuchen werde, durchzubekommen, aber die Chancen dafür stehen sehr schlecht …

Ich habe gar nichts gegen die Pharmaindustrie. Ich habe was gegen das Marketing der Pharmaindustrie. Zum Glück gibt es die Pharmaindustrie, um wirksame Medikamente und funktionierende Antibiotika zu erzeugen. Das ist ein Segen. Aber das große Problem ist, dass es zur Zeit ein Entarten gibt, letztlich durch den Gigantismus, wodurch die Pharmaindustrie schließlich fast eine Gesundheitspolitik bestimmt.

Den Medien mangelt es an Mut.

Es gibt vor allem heute, meine ich, eine finanzielle Dominanz der Werbekunden. Der Nikotin kostet, wenn sie es heute beim internationalen Chemieunternehmen Fluka kaufen, 440 Euro pro Liter. Wenn wir von 0,8 mg Nikotin pro Zigarette ausgehen, wären das – da ein Liter einer Million Milligramm entspricht – 1.200.000 Zigaretten. Das heißt, wenn Sie das nachrechnen möchten, dass Sie um einen Euro [die Entsprechung von] 143 Päckchen Zigaretten kaufen würden.

Schon, aber da ist auch das Papier …

Mag sein. Ich spreche aber von der Nikotinmenge. Die Idee, Nikotin zu verkaufen, um den Leuten bei der Rauchentwöhnung zu helfen, war ja nicht schlecht. Aber, so leid es mir tut: es funktioniert nicht. Daraufhin haben sie einen erstaunlichen Taschenspielertrick inszeniert. Dieser erstaunliche Trick, das ist die „Nicotine Addiction“ – die Nikotinsucht. Bericht des amerikanischen Surgeon General, 1988. Dieser Bericht musste einem erst einfallen, denn was mich betrifft, so muss ich nach „Tobacco Addictions“ – nach Tabakabhängigkeiten – nicht groß suchen, die begegnen einem jeden Tag. Aber nikotinabhängige Menschen suche ich bis heute. Man kennt Nikotin seit 200 Jahren und ich möchte schon sagen, dass eine Droge um 440 Euro pro Liter nicht zu bekommen ist! Es hat sich noch nie jemand reines Nikotin gespritzt. Es gab noch niemals dunkle Geschäfte mit Nikotin. Was es gibt, ist eine massive Tabakabhängigkeit. Nikotinabhängigkeit gibt es nicht.

Nicht mal ein ganz klein wenig …

Gar keine Nikotinabhängigkeit. Wenn Sie zum Beispiel Leute betrachten, die extrem tabaksüchtig waren und mit Hilfe von Nikotinpflastern aufgehört haben: wenn sie nikotinsüchtig gewesen wären, hätten Sie nach einem Jahr Leute … wissen Sie, wie hoch der Anteil der Leute ist, die die Nikotinpflaster weiterverwenden? 1 %.

Ein Anteil von 1%, die nach einem Jahr noch die Pflaster verwenden, ist nicht gerade überwältigend …

Bei den Nikotinkaugummis, wissen Sie wieviele Anwender noch ein Jahr nach der Rauchentwöhnung weiterhin die Nikotinkaugummis kauen? Dabei spielt das Kauen eine Rolle, klarerweise, und das weiß man ja – man muss sich nur die Kaumuskulatur mancher Amerikaner ansehen, die Hollywood-Kaugummi kauen –, dass es einen motorischen Kaubewegungs-Tick gibt. Es sind 7 %. Aber ich kann Ihnen versichern: wenn ich einen Inhalator oder Kaugummi mit Heroin herstellen würde, um Heroinsüchtige zu entwöhnen, dann hätte ich mehr als 7 %, die dabei bleiben.

Kapitel 3

Es ist mir nie gelungen, Ratten dazu zu bekommen, eine Fußtaste zu betätigen um sich mit Nikotin zu versorgen. Man macht eine Taste und wenn die gedrückt wird, aktiviert das eine Injektionsspritze. Mit Kokain haben die Ratten 300 Mal pro Tag die Taste betätigt, das ging tock, tock, tock. Mit Nikotin: niemals. Es gibt keine … Die Tabaksucht ist gewaltig, die Nikotinsucht: nein.

Die „Nicotine Addiction“. Warum wurde 1988 dieses Buch unter diesem Titel herausgebracht? Hätten sie es „Tobacco Addiction: The Role of Nicotine“ genannt … Sie haben es „Nicotine Addiction“ genannt. Das heisst, dass sie bereits 1988 zur Offensive bereit waren. Und sie haben es als „Nikotinersatz“ bezeichnet. Warum haben sie es als „Nikotinersatz“ bezeichnet? Weil sie von dem Imagebonus der Opiatersatztherapie profitieren wollten. Das heisst, Sie haben einen Heroin- oder Morphiumsüchtigen. Der muss sich rasch wieder mit Stoff versorgen, weil das Heroin schnell wieder aus dem Körper verschwindet. Also geben Sie ihm ein anderes Opiat, nämlich das Methadon, das nicht schon nach wenigen Stunden, sondern erst nach 24 Stunden zur Hälfte wieder eliminiert ist. Damit geben Sie dem Süchtigen eine relativ langanhaltende Linderung und es reicht, wenn er seine Dosis alle 24 Stunden bekommt. Sie geben ihm also ein anderes Opiat als seinen Stoff, mit anderen Eigenschaften, die ihm ermöglichen sollen, sich wieder in die Gesellschaft einzufügen und nicht seine [Schnitt: Zeit damit zu verbringen, Stoff aufzutreiben]. So. Wenn Sie nun Nikotin als DIE Droge im Tabak ansehen und dem Raucher Nikotin geben, ist das, als würden Sie dem Heroinsüchtigen Heroin geben. Das ist kein Ersatz, sondern Sie geben ihm genau sein Suchtmittel!

Welches zudem nicht der …

Es ist also schon mal der Ausdruck „Nikotinersatz“ missbräuchlich, da es sich nicht um einen Ersatz handelt: sie geben ihm das Produkt selbst. Andererseits stellt es in den Raum, dass Nikotin die Sucht beenden würde. Das tut es nicht, denn die Leute berauschen sich nicht (damit), es gab niemals einen primären Sucht-Einstieg mit (reinem) Nikotin. Niemandem würde einfallen, mit Nikotinpflastern oder -kaugummis zu experimentieren. Es handelt sich immer um Menschen, die eindeutig (vom Tabak) abhängig waren. Folglich ist es kein Ersatz, wie übrigens der schwedische Oraltabak zeigt. Es gibt ebenso viele (Tabak-)Konsumenten [wie in Frankreich]. Circa 40 % der Schweden konsumieren Tabak. Aber von diesen 40 % sind die Hälfte schon zum „Snus“ übergegangen. Sie wechseln nicht zum Kaugummi. Die Leute mögen den Kaugummi nicht. Sie geben auf. Die durchschnittliche Anwendungsdauer der Nikotinkaugummis – selbst wenn sie gratis sind – beträgt 21 Tage.

Das Passivrauchen ist ein Aufhänger, der sich leider gerade als wirksam erweist, um vollständig die Kultur eines Landes durcheinander zu bringen und Berufe zu zerrütten. Dabei sind die Auswirkungen in Bezug auf eine Reduktion des Tabakkonsums und seiner Risiken meiner Meinung nach eher kontraproduktiv. Es sind übrigens die selben „Antiraucher“, denen es gelungen war, den Verkauf von Snus – der absoluten Waffe gegen Passivrauch – zu blockieren und verbieten zu lassen. Der Snus, diese Form von Tabak, die sich die Schweden in den Mund stecken, verursacht nämlich keinen Rauch! Er produziert kein Kohlenmonoxyd. Er belästigt keinen Nachbarn. Wenn jemand ins Restaurant geht und sich eine Portion Snus in den Mund steckt, während man mir gerade meine Lieblingsspeise serviert, habe ich ihm nichts vorzuwerfen.

Die Antwort könnte man im Bericht „Lifting the Smoke Screen“ selbst finden. Wenn Sie die Einleitung dieses Berichts lesen, was finden Sie da? Ich übertrage das jetzt etwas freier (aus dem Englischen) – da steht folgendes:

„In den Ländern, wo das Gesetz erlassen und unterstützt wurde, sind 75 % (der Bevölkerung) für dieses Gesetz. Das zeigt, dass die Öffentlichkeit das Gesetz haben möchte …“

Na ja. Sie haben eine große Mehrheit an Nichtrauchern, die werden schon mal kein Problem mit diesem Gesetz haben. Dann kommen noch Raucher hinzu, die sagen „womöglich könnte mir das helfen, aufzuhören“. Also sind sie dafür …

 …“und dass Politiker nicht davor zurückschrecken sollten, für Antirauchgesetze zu stimmen.“

Im Grunde sind sie nicht dafür, wie die Antwort bei der Konferenz für ein rauchfreies Europa vom 2. Juni 2005 gezeigt hat. Diese Konferenz – die unter der der luxemburgischen Präsidentschaft der Europäischen Union in Luxemburg stattfand, von den Organisationen vorbereitet wurde, die mit diesem Bericht beauftragt waren und von GlaxoSmithKline und Pfizer gesponsert wurde – diese Konferenz also hat auf europäischer Ebene zum ersten Mal Gesundheitsorganisationen, namhafte Forscher und Vertreter der Arbeitgeber der öffentlichen Hand und des Privatsektors, der Syndikate, der Arbeitsschutzinspektorate, der Europäischen Kommission und der Politik zusammengeführt, um über die Politik im Hinblick auf Rauchfreiheit zu diskutieren. Es meldeten sich bei dieser Gelegenheit insgesamt 9 Gesundheits- und Arbeitsminister und der ehemalige italienische Gesundheitsminister zu Wort.

Nun, wer hat von den Dingen einen Nutzen? Benötigen tatsächlich die Europäische Kommission, Europa, die Gesundheitsminister eine Unterstützung von GlaxoSmithKline und Pfizer – den großen internationalen Pharmakonzernen, die Medikamente zur Rauchentwöhnung herstellen und verkaufen – um sich Sandwiches zu kaufen? ,

Die Nikotinpflaster, die …

Na schön, es gibt kein Foto! …Und hier sagen die Verteidiger dessen, was sie als „Nikotinersatz“ bezeichnen, „Aber verstehen Sie: es gibt das „böse“ Nikotin in den Zigaretten und das „gute“ Nikotin in den Pflastern und Kaugummis.“ Sie sind sogar so weit gegangen, zu sagen: „Senken Sie doch Ihr Risiko, indem Sie zwar weiterrauchen, aber dabei ab und zu einen Nikotinkaugummi kauen. Damit werden Sie weniger inhalieren und natürlich Ihr Risiko verringern“.

Gut und schön, aber im Vergleich zwischen Pflaster und Zigarette ist doch das Pflaster harmloser, indem man kein Inhalieren von …

Aber nur, wenn Sie ausschließlich das Pflaster verwenden und nicht daneben weiterrauchen. Im Augenblick, jedoch … Man muss sich anschauen, was geschehen ist. Ursprünglich haben sie die Kaugummis und Pflaster auf ärztliche Verordnung verkauft. Da haben sie festgestellt, dass sie nicht genügend davon verkauften. Die Ärzte waren von diesen Produkten nicht begeistert. Also haben die Hersteller dafür gekämpft, dass die Produkte in Frankreich frei verkauft werden konnten. Sie gehen in die Apotheke und sagen: „Ich möchte Nikotinpflaster, ich möchte Nikotinkaugummis“. So geht das. Sie brauchen kein ärztliches Rezept. Aber bei diesen Produkten, die bestenfalls den 1,6-fachen Erfolg eines Placebos erzielen, war der Grund für ein Übergehen zur Kategorie „ohne Rezept erhältlich“, dass man für ein frei verkäufliches Medikament Publikumwerbung machen darf. Deshalb konnten Sie schon Werbung für Nikotinkaugummis/Nikotinpflaster im Fernsehen und auf Autobussen sehen. Aber sobald Sie für ein Medikament Werbung machen, kann es nicht mehr von der Krankenkasse übernommen werden – zumindest theoretisch, nach den Gesetzen für die Sozialversicherung und das Gesundheitswesen. Nun haben sie aber erreicht, dass die Sozialversicherung 50 Euro pro Jahr und Raucher bezahlt für die Verwendung von Medikamenten, die weiterhin öffentlich beworben werden können. Ich nenne das eine organisierte Plünderung der Sozialversicherung.

Leibwächter? …

Nun haben sie wieder festgestellt, dass sie nicht genügend davon verkauften, dass das nicht zieht. Da haben sie überlegt, dass es doch den armen Patienten mit Beeinträchtigungen der Atemfunktion gibt, der nicht auf Tabak verzichten kann. Also sagt man ihm: „Sie werden Ihr Risiko senken, indem Sie gleichzeitig einen Nikotinkaugummi verwenden“. Und das ist kriminell. Es ist deshalb kriminell, weil Sie jemanden dazu verleiten, weiterzurauchen. Das ist was der Patient versteht: „Ich werde mein Risiko senken, weil ich etwas weniger inhalieren werde“. Das Problem dabei ist, dass sie vergessen, was uns die bekannte Studie von Professor Doll gelehrt hat, in der 36.000 englische Ärzte 40 Jahre lang beobachtet wurden. Was sagt uns dieser? Er sagt: „Wichtig ist, wie lange Sie rauchen“. Und Catherine Hill hat das auf relativ einfache Weise übersetzt – die Formel, die uns von Doll zur Berechnung des Lungenkrebsrisikos gegeben worden war: Wenn Sie die täglich gerauchte Menge verdoppeln, verdoppeln Sie damit auch Ihr Krebsrisiko. Wenn Sie die Tagesmenge halbieren, halbieren Sie auch Ihr Krebsrisiko. Aber wenn Sie die Dauer Ihres Zigarettenkonsums verdoppeln, müssen Sie das Risiko mit 2 hoch Viereinhalb multiplizieren. So haben die Pneumologen den bekannten Begriff „Packungsjahr“ (pack year) behalten. Und als ich einmal auf einem Fernsehset war, sagte ein berühmter Onkologe: „Nun, es kommt auf dasselbe hinaus, ob sie jetzt 20 Jahre lang ein Päckchen täglich rauchen oder 10 Jahre lang 2 Päckchen täglich“. Nein, Herr Professor, das kommt ganz und gar nicht auf dasselbe hinaus! Wenn Sie doppelt soviel rauchen, verdoppeln Sie Ihr Risiko, aber wenn Sie doppelt so lange rauchen, erhöht sich Ihr Risiko um den Faktor 2 hoch 4,5, und das ist nicht das Doppelte, sondern das 23-fache!

„Schwerwiegend ist die Dauer der Raucherzeit. Und alles, was man einem Raucher sagen kann, ist: „Rauchen Sie 4 oder 5 Päckchen Davidoff-Zigaretten pro Tag, aber hören Sie so bald wie möglich auf!“. Denn es ist die Dauer des Rauchens, die zählt, und wenn Sie jemandem suggerieren, dass er nur so einen kleinen Kaugummi, ein Pflaster oder einen Inhalator verwenden muss, um sein Risiko zu senken … es gibt eine Studie zu Inhalatoren, mit denen das Inhalieren von Rauch um 10 bis 15 % reduziert wird; damit wird das Risiko also um 15 % gesenkt, vorausgesetzt, Sie verwenden den Inhalator Ihr ganzes restliches Leben! Aber wenn Sie die Dauer Ihres Zigarettenkonsums verdoppeln …. dann gilt für die Zeit, in der Sie rauchen, der Exponent 4,5. Sowas ist kriminell. Ich habe das gesagt. Es wurde nicht gut aufgenommen!

Kapitel 4

Heute kommt es in Europa zu allgemeinen Verboten, deren einziges Ziel finanzieller Profit ist. Und ich meine, dass wir auf eine Kulturüberschreitung zusteuern, bei der uns diese amerikanische Freund-Feind-Mentalität aufgedrängt wird, und zwar im Namen des Profits.

Es wäre ja absolut vorstellbar, dass ein Wirt sagt: „Bei mir wird nicht geraucht, in meinem Speiselokal wird nicht geraucht, in meiner Disco wird nicht geraucht“ oder „es wird da geraucht“, oder auch „es wird zwischen soundsoviel Uhr und soundsoviel Uhr nicht geraucht“. Man könnte das einteilen. Aber hier haben wir ein wirklich unglaubliches Eindringen. Jeder weiß und man sieht ganz klar, dass es dasselbe wie mit dem Lärm ist. Da könnte man ja genauso eine völlige Stille in Restaurants fordern, wie in einem Kloster! Hier gibt es ein Lagerdenken. Wie man sieht, geht es nach amerikanischer Vorstellung um Gut und Böse. Das Böse ist der Tabak, der Rauch, der Alkohol. Die haben einen Hang zur Prohibition und das ist etwas, das offenkundig langsam zu uns kommt, natürlich mit dem ganzen religiösen Aspekt – in den Vereinigten Staaten, nicht wahr, mit den ganzen Anhängern des Evangelikalismus, kommt dieser ganze Ansatz aus ferner Vergangenheit, denn das ist ja noch Manichäismus, die von Mani gegründete Philosophie und Religion. In den Jahren um 300 oder 400 gab es diese Art von Vorstellung, wie sie von den Evangelikern aufgegriffen wurde, mit Gut und Böse. Da gibt es den Dämon! Den muss man besiegen. Normalerweise hat man ja eher Graustufen. Außerdem steckt natürlich Profit dahinter. Denn es ist völlig klar, dass dieser Bericht und diese in Luxemburg gehaltene Konferenz, die nun solche Vorstellungen allen europäischen Ländern inklusive Frankreich aufzwingen … hinter diesen Vorstellungen stehen meiner Meinung nach gewaltige finanzielle Interessen. Verstehen Sie: ich meine, es ist doch unglaublich, dass mit Produkten … ich denke da an Nikotin, das stimmt, ich habe es in meinem Labor gesehen … Nikotin bewirkt eine Art Sättigung in Bezug auf den Tabakkonsum, und wenn Sie Nikotin konsumieren, wenn Sie Zigaretten mit hohem Nikotingehalt verwenden – ich habe das gesehen, in meinem Labor gemessen –, tendieren Sie dazu, weniger zu inhalieren und weniger zu rauchen. Demnach hätte man nicht den Verkauf von Zigaretten mit einem Nikotingehalt von über 1 mg verbieten sollen! Man hätte sagen sollen: „Stellt bitte Zigaretten her, die einen möglichst hohen Gehalt an Nikotin haben, die soviel Nikotin wie möglich liefern, aber dabei immer weniger Teer und vor allem immer weniger Nitrosamine.“ Dann würden die Leute, statt dazu verleitet zu werden, sehr tiefe Lungenzüge zu machen, nur leichte Züge machen und den Rauch nicht wirklich inhalieren. Dabei würden sie ganz schnell das Stoppsignal aufgrund der Nikotinmenge spüren … „Ach ja“, sagt man, „wissen Sie was: wir werden den Verkauf von Zigaretten verbieten, die mehr als 1 mg Nikotin abgeben“ … Der Tabakindustrie hat das ja nicht wehgetan: als die Entscheidung fiel, gab es in Europa keine Zigarette mehr über 0,80 mg! Das hat denen gar nichts ausgemacht!

Die Tabakindustrie hat „Leichtzigaretten“ produziert. Wir haben gegen die Tabakindustrie gekämpft und gesagt: „Eure Leichtzigarette ist eine Täuschung, weil sie nur an der Rauchmaschine leicht ist, während ein Raucher ja nicht notwendigerweise wie eine Rauchmaschine inhaliert. Er erhöht sein Zugvolumen, er erhöht die Anzahl der Züge pro Zigarette, er raucht die Zigaretten praktisch bis zum letzten Tabakkrümel. Letztendlich gelingt es ihm, genau soviel herauszubekommen, wie er will. Wenn Sie also eine Zigarette mit 0,1 mg Nikotin und 9 mg Teer ausweisen, hat das nichts zu bedeuten und Sie sind Lügner und Fälscher.“

Aber gleichzeitig, obwohl man das gerade nachgewiesen hat und obwohl man nachweisen kann, dass der Teergehalt an sich uninteressant ist, weil die Konzentration an kanzerogenen Substanzen beträchtlich variieren kann – manchmal sind die Zigaretten mit dem geringsten Teergehalt diejenigen mit der höchsten Konzentration an Kanzerogenen – besteht die Europäische Union weiterhin auf Senkungen des Nikotin- und Teergehalts … Aber indem sie das tut, bestärkt sie die Vorstellung, dass Zigaretten mit einem geringen Nikotin- und Teer-Output an der Rauchmaschine weniger gefährlich seien…

Die light Zigaretten …

Sie unterstützt also Leichtzigaretten! Von denen man allerdings weiß, dass sie ebenso gefährlich wie die anderen sind. Es besteht also offensichtlich eine völlige Inkompetenz in Sachen Tabakologie bei den Entscheidungsträgern. Hier haben wir eine Inkompetenz auf fachlicher Ebene, wenn ihnen ein solches Absegnen (des Leichtrauchprinzips) passiert, und eine umfassende Inkompetenz in Bezug auf Raucherpsychologie und Tabak-Soziologie, aufgrund derer sie gesetzliche Maßnahmen beschließen, die letztlich – weil sie die Verteidigungsreaktionen verstärken – das genaue Gegenteil des gewünschten Zwecks im Gesundheitswesen erreichen werden.

Für einen Raucher zählt die Umgebung, in der das geprägt wurde. Es ist die Umgebung, die wichtig ist. Die Zigarette wird schließlich deshalb wichtig, weil sie zur Umgebung gehört. Aber sie ist parasitär. Und es ist nicht das Nikotin, das wichtig ist. Das ist der Grund, weshalb der Raucher die Nikotinpflaster nicht mag. Er mag nicht die Nikotinkaugummis. Das Aroma von Snus, hingegen, ist ein Umgebungsfaktor. In diesem Fall nehmen Sie das Snus-Aroma an und das Nikotin bleibt in der Tat Nebensache. Wichtig ist, dass es Tabak ist, dass Sie was haben, das den sinnlichen Aspekt bietet und damit verbunden ist.

2004 gab es ein Ansuchen, das von Fagerström unterstützt wurde. Sie wissen schon, der bekannte Abhängigkeitstest durch Clive Bates, durch Kozlowski, durch Martin Jarvis, durch echte Kapazitäten in Tabakfragen, die erklärten, dass man 98 % der Risiken vermeiden könnte, wenn alle Zigarettenraucher zu Snus (Oraltabak) übergehen würden. Nun, diese Leute haben ein deutsches und britisches Ansuchen auf Aufhebung des Vertriebsverbots für Snus in Europa unterstützt. Warum wird Snus in Schweden verkauft? Ganz einfach weil Schweden bei seinem Beitritt zur Europäischen Union eine Ausnahmeregelung („Finger weg von meinem Snus“) durchgesetzt hat und somit weiterhin Snus produzieren und verkaufen kann. Was soll man sagen: am 14.12.2004 hat der Europäische Gerichtshof erneut das Vertriebsverbot für Snus in Europa bestätigt. Da kann man sich fragen: weshalb? Es ist vollkommen klar, dass große Unternehmen wie BAT, Philip Morris, Imperial Tobacco usw. nicht an Snus geglaubt hatten. Sie waren nicht vorbereitet. Und folglich hatten sie gar keine Lust, dass ein Laden wie Swedish Match ihnen Schwierigkeiten bereitet, indem er den Markt besetzt. Also waren sie dagegen. Die Hersteller von Nikotinpflastern, -kaugummis usw. dachten „na was denn, die Europäer brauchen doch nur Nikotinkaugummis zu kauen“ und waren somit auch dagegen. Die Regierungen waren einfach deshalb dagegen, weil bei 11 oder 13 Milliarden Einnahmen aus der Tabaksteuer wenig Motivation dazu besteht, auch nur irgendwas daran zu ändern. Da hat man jedenfalls nicht den Wunsch, dass Leute das Rauchen für etwas aufgeben, das vielleicht weniger kosten wird. Und schließlich die Antirauch-Aktivisten: die wollten das gar nicht … Ergebnis am 14.12.2004 war dann, dass der Gerichtshof das Verbot bestätigt hat. Aber Sie werden sehen, ich weiß jetzt, dass BAT und ebenso Philip Morris einen Snus haben. Ich weiß nicht so genau, ob sie das direkt machen oder ob sie mit Swedish Match ein Abkommen haben, aber Sie werden sehen, dass es einen erneuten Antrag geben wird und diesmal hoffe ich, dass es zu einer Freigabe des Vertriebs in Europa kommt.

Quelle: Quand les multinationales font de la politique. Deutsche Übersetzung von tsange anlässlich einer Forumdiskussion zur Nikotinsucht auf http://www.e-rauchen-forum.de. Übersetzt nach der Originaltranskription von Doktor Glub vom 31.01.2008. Das Copyright verbleibt bei Doktor Glub.